PACECRAFT | Aber draußen ist Wetter... Draußen laufen oder aufs Laufband
Tatsächlich sprechen viele Gründe gegen das Training auf dem Laufband. In etwa genau so viele wie dafür. Zum Teil sind es sogar die selben. Eine Entscheidungshilfe.
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Aber draußen ist Wetter…

Aber draußen ist Wetter... draußen laufen oder aufs Laufband?

Aber draußen ist Wetter…

Wenn man Menschen fragt, die schon mal einen Marathon oder Halbmarathon gelaufen sind, wo man trainieren sollte – draußen oder auf dem Laufband – werden sich die meisten ganz klar für die Draußen-Laufen-Variante entscheiden. Auf dem Laufband laufen ist “öde” und “viel zu leicht”, um als Training für ein Rennen zu gelten. Und tatsächlich sprechen viele Gründe gegen das Training auf dem Laufband. In etwa genau so viele wie dafür. Zum Teil sind es sogar die selben. Eine Entscheidungshilfe.

I DON’T KNOW WHAT’S LONGER:
A MICROWAVE MINUTE OR A TREADMILL MINUTE

Langeweile. Laufen auf dem Laufband ist gleichförmig und eintönig. Hat man keine Lust auf TV, Musik oder Bücherlesen, macht sich nichts daraus, von Anderen beim Laufen beobachtet/bewundert zu werden oder Anderen dabei zuzusehen, wie sie sporten, ist das Laufband sehr schnell sehr langweilig.

Widerstand. Weil das Laufen idealerweise auf der Stelle stattfindet (sonst macht man sehr wahrscheinlich etwas falsch!) fehlt auf dem Laufband der Luftwiderstand. Deswegen ist das Training auf dem Band einerseits sehr schweißtreibend und andererseits gleichzeitig leichter als das Training auf der Straße. Der Widerstand kann zwar durch das Einstellen einer leichten Steigung simuliert werden, belastet dadurch aber auch die Muskeln und Bänder anders als Straßentraining. Insbesondere die Achillessehne wird stärker belastet. Die Lauftechnik verändert sich – vielleicht unmerklich – und muss dann für das Training auf der Straße bzw. das Rennen wieder modifiziert werden.

Denn Rennen finden vorwiegend auf der Straße statt. Während des Trainings auf dem weicheren Untergrund und mit der in der Regel guten Federung des Laufbands, gewöhnt man sich nicht an die Härte des Asphalts, mit der der Körper während des Rennens zurecht kommen muss. Ähnliches gilt im übrigen für Läufer, die ausschließlich auf Wald- und Feldwegen trainieren.

Mit dem Training auf dem Laufband sind in der Regel Kosten verbunden. Entweder für die Anschaffung eines eigenen Trainingsgerätes. Oder in Form eines Mitgliedsbeitrags im Fitnessstudio.

Kein Wetter. Im Extremfall kann man sich während des Laufbandtrainings so sehr das Fehlen des Wetters gewöhnen, dass man am Renntag überrascht wird von Wind oder Regen, von Sonne, Hitze, Schnee. Man ist einfach nicht daran gewöhnt und startet unter in vieler Hinsicht veränderten Bedingungen in ein Rennen.

“Wenn es wie aus Eimern schüttet und du dich durch den Regen quälst,
kannst du eine Menge Befriedigung aus der Gewissheit ziehen,
dass du da draußen bist und die Anderen nicht.”
— Peter Snell

Kein Wetter bedeutet auch: keine Sonne, keine frische Luft. Und keine Idee davon, wie gut es sich anfühlt, den inneren Schweinehund überwunden zu haben und eine Stunde durch fünf Grad kalten Regen gelaufen zu sein. Hinzu kommt: Sofern man nicht zu Hause über ein eigenes Laufband verfügt, sollte man für kontinuierliches Training im Studio die Nähe von Menschen nicht vollkommen verabscheuen. Vor allem in olfaktorischer Hinsicht. Im Fitnessstudio ist man allenfalls Weihnachtssonntagmorgen um 9 Uhr mal halbwegs allein.

DEAR TREADMILL,
I HATE YOU. BUT I NEED YOU. RELATIONSHIPS ARE COMPLICATED

Warum sollte man sich das Training auf dem Laufband also überhaupt antun wollen? Hier einige ziemlich gute Gründe:

Tempo, Schrittfrequenz und Belastung lassen sich viel genauer steuern als im Gelände. Um beispielsweise den Laufstil zu verbessern oder überhaupt mal auf den Stil zu achten, ist das Laufband eine gute Wahl.

Auch Intervall– und Hügelläufe sind viel exakter umsetzbar. Die Intervalle werden nicht beschränkt durch Straßen, Ampeln oder Gegenwind. Hügel lassen sich beliebig in den Lauf programmieren. Unter gleichen und vergleichbaren Bedingungen. So lassen sich Leistungssteigerungen ohne externe Störfaktoren und unabhängig von geographischen Gegebenheiten genauer messen.

Das Training auf dem Laufband entspricht nicht den Bedingungen auf der Straße. Es ist tendenziell leichter und schont die Gelenke – was zum Beispiel nach einer Verletzung, als Wiedereinstieg, sehr hilfreich sein kann. Im Studio ist der Wechsel zwischen Rad und Laufband in der Regel möglich, so dass je nach Belastbarkeit gelaufen und trotzdem über einen längeren Zeitraum hinweg trainiert werden kann. Auch für starke Allergiker kann das Laufband zu bestimmten Zeiten im Jahr die einzige Möglichkeit zum Trainieren sein.

Im Winter kann das Laufen am frühen Morgen oder am Abend sehr unangenehm und auch nicht ganz ungefährlich sein. Dunkelheit und Glätte machen so manchen Tempolauf unmöglich. Für alle, die nicht tagsüber trainieren können, kann dann das Laufband eine gute Alternative zu riskantem Training draußen oder gar keinem Training sein.

Vor allem beim Marathontraining, während der langen Läufe ist die Versorgung mit Getränken und Sportnahrung wesentlich leichter zu realisieren.Und nochmal: Langeweile. Langes Training auf dem Laufband ist langweilig und erfordert Durchhaltevermögen, Fokus und mentale Stärke – alles Aspekte, die für einen erfolgreichen Marathonlauf von enormer Bedeutung sind.

I TOOK A WALK IN THE WOODS AND CAME OUT TALLER THAN THE TREES

Für das Laufen auf dem Band, im Studio oder Zuhause, sprechen vor allem pragmatische Gründe. Es stellt damit eigentlich eher als eine Alternative zum Nicht-Laufen als zum Draußen-Laufen dar. Warum? Diese Frage kann selbstverständlich nur Jeder für sich beantworten. Ich würde es mal so versuchen:

Ich bin kein Sportler. Sport ist mir genau genommen ziemlich egal. Ich bin Läuferin. Nicht, weil Laufen Sport, Wettkampf oder Messen ist. Und auch nur ein kleines bisschen, weil ich besser werden und gesund bleiben und überhaupt 120 Jahre alt werden will. Läuferin bin ich vor allem, weil Laufen mich mir näher bringt. Und das funktioniert am besten draußen. In frischer Luft. Mit Sonne, mit Regen, Wind, Schnee, Sturm. Mit Vogelgezwitscher, nochmal Sonne und Waldbodengeruch. Letztlich leiden die meisten von uns unter Entfremdung und Vereinnahmung durch das, was wir uns selbst basteln. Im Zustand eines ständigen Kulturschocks, den wir immer weniger wahrnehmen, hocken wir in unseren Büros unter Lampen, die möglichst sowas ähnliches wie Sonnenlicht machen. Wir glotzen auf Bildschirme oder Displays oder besprechen “wichtige” Dinge in Meetings oder – noch cooler – Hangouts. Wir machen tendenziell alles immer schneller, optimaler und oberflächlicher.

Beim Laufen, draußen und allein muss man es mit sich selbst aushalten. Bei sich sein. Den Körper fordern, den Geist fokussieren gleichermaßen auf den Moment und das Ziel. Und dann kann man sich ehrlich freuen, wenn das alles funktioniert. Die Muskeln, die Sehnen, das Herz. Und dankbar sein für diese Einsicht und das ganze Drumherum, das einfach so da ist und auch einfach so funktioniert. Ohne Rankings, Workflows oder Benchmarks. Einfach so. Ein Stück zurück zur Natur und zum eigenen Kern. Deshalb Laufen. Und zwar draußen.

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