PACECRAFT | Muss ich wirklich alles messen? Versuch einer Datendiät beim Laufen
Laufen ohne Uhr, ohne GPS und ohne Aufzeichnung der Herzfrequenz. Ohne zu messen, ohne Vergleich und statistische Rückversicherung
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Muss ich wirklich alles messen? Versuch einer Datendiät

Datendiät beim Laufen

Muss ich wirklich alles messen? Versuch einer Datendiät

Seit ich im Sommer 2013 mit dem Laufen begonnen habe, zeichne ich jeden meiner Läufe auf. Zuerst nur Streckenlänge, Höhenmeter und Zeit mit dem Smartphone und Runtastic. Mit Garmin Connect kamen später Herzfrequenz und Laufeffizienz – also Schrittfrequenz, Schrittlänge sowie Bodenkontaktzeit – hinzu. Garmin weiß, wann und wo ich gelaufen bin und wie das Wetter war. Die Laufuhr schätzt außerdem meinen aktuellen VO2max und berechnet meine voraussichtlichen Rennzeiten für alle Distanzen. Schließlich zeichnet Strava seit einigen Monaten nicht nur meine persönliche heatmap, sondern gibt mir den suffer score für jeden meiner Läufe aus. Ich kann mir monatliche und jährliche Distanzziele setzen und an diversen Challenges teilnehmen, sehe, ob ich mich auf bestimmten Streckenabschnitten verbessert habe und kann mich mit anderen Läufern vergleichen. Bin ich auf einem Streckenabschnitt die Schnellste, bekomme ich ein virtuelles Krönchen. Läuft jemand schneller als ich, erhalte ich eine Mail, die mir mitteilt, dass ich entthront wurde. Daten! Zahlen! Messen! YAY!

Das Aufzeichnen und Analysieren der Läufe war – so glaube ich – einer der Hauptgründe, warum ich das Laufen nicht bereits im Herbst 2013 wieder aufgegeben habe. Zu sehen, dass die Strecken kontinuierlich länger und das Tempo stetig höher werden, war (und ist?) eine unglaubliche Motivation und macht – so zumindest meine Vermutung – viele Läufer zu Datenjunkies. Ich denke tatsächlich, es ist im Wesentlichen Runtastic zu verdanken, dass ich meinen pummeligen Büroleib abstreifen und zum ersten Mal seit vor der Pubertät so etwas wie ein okayes Körpergefühl entwickeln konnte. Eine Läuferin.

Not so easy Easy Runs

Nach den quasi-magischen Veränderungen und Verbesserungen in den ersten Monaten und Jahren, macht sich im Sommer 2015 eine lästige und frustrierende Stagnation bemerkbar. Ich laufe mittlerweile zwischen 50 und 60 Kilometer pro Woche, aber werde – trotz ausgefeiltester Trainingspläne – nicht mehr wirklich schneller. Das Schlimme daran: Insgeheim weiß ich genau, woran es liegt: Daten! Es macht mich nervös, wenn die Laufuhr sagt, der VO2max sei gesunken. Der Vergleich der durchschnittlichen Herzfrequenzen ähnlich anstrengender Läufe ist längst zum Gradmesser meines Wohlbefindens und Gesundheitszustands geworden. Und selbst unter Aufbringung eines Höchstmaßes an Disziplin gelingt es mir selten bis nie, meine langsamen Läufe wirklich langsam zu laufen.

Selbstverständlich weiß ich, dass meine Easy-Pace irgendwo zwischen 6:10 und 6:30 liegt. Und ich weiß auch, dass jedem, der halbwegs ernsthaft trainiert, dieses Tempo irgendwann sehr langsam, nahezu lächerlich erscheint. Aber ich weiß auch, dass ich den überwiegenden Teil meiner Wochenkilometer eben in genau diesem Tempo laufen sollte. Sollte.

Viel zu selten bringe ich die Kraft auf, mich an das Easy-Tempo zu halten. Viel zu selten schaffe ich es, nicht auf die Uhr zu gucken und denke stattdessen: „6:20? Na, komm… ein bisschen schneller ist doch auch noch einfach. Sonst bin ich ja langsamer als gestern.“ Ich halte mich nicht für sonderlich ehrgeizig oder leistungsorientiert. Aber ich bin ein Datenfetischist und schaffe es nicht, mich gegen die selbst auferlegte Diktatur dieser Uhr zu wehren – selbst dann nicht, wenn ich weiß, dass dadurch der Effekt eines wochen- und oder monatelangen Trainings abgeschwächt wird. Gelassen über den – wie ich hoffe – menschlichen Schwächen stehen… gar nicht so einfach.

Aus Versehen gelaufen

März 2016. Mein letzter, selbstverständlich etwas zu schneller, langer Trainingslauf ist jetzt 15 Tage her. Selbstverständlich nicht freiwillig. Eine Fußverletzung bescherte mir diese Zwangspause. Es ist bereits die zweite in diesem Jahr. Seit mehr als zwei Wochen sitze oder liege ich wieder rum, gehe höchstens mal kürzere Strecken und warte. Und warte. Und dann scheint am Freitagmorgen auf einmal die Sonne. Das halte ich nicht tatenlos aus und entschließe mich, die Laufsachen anzuziehen und einfach mal rauszugehen. Ganz umambitioniert und unverbindlich. Vielleicht kann ich sogar ein paar Schritte laufen, um besser abschätzen zu können, wie schlimm es noch ist. Also raus auf die Straße und zum Park. Ohne Uhr – denn Laufen funktioniert ohnehin nicht.

Am Park angekommen die ersten schneller gegangenen Schritte. Ok. Also Laufen. Nur ein paar Meter. Nur ein Test. Und auf einmal funktioniert das nicht nur ganz gut, sondern geradezu fantastisch. Die noch nicht ausgeheilten Stellen an der Außen- und Oberseite des großen Zehs brauche ich ganz offensichtlich beim Gehen viel stärker als beim Laufen, in Laufschuhen, auf weichem Boden.

Um keinen falschen Schritt zu machen und damit einen noch längeren Ausfall zu riskieren, laufe ich sehr aufmerksam, sehr vorsichtig und vor allem: sehr langsam. Vor Aufregung schnellt mein Puls kurz in die Höhe – ja, ich weiß das auch ohne Uhr! Ich achte darauf, über den Mittelfuß und nicht in einer Schonhaltung zu laufen und falle dann in einen langsamen und gleichmäßigen, einen von der ersten Sekunde an zufriedenmachenden Trab. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die ersten zartgrünen Knospen sprießen an Sträuchern und Bäumen. Ich sehe Gänseblümchen. Der Boden ist teilweise noch überfroren und die Luft herrlich frisch. Mit jedem Schritt fallen Staub und Schwere des Winters von mir ab. Nach einigen Augenblicken sind meine Muskeln warm und dankbar. Die Verspannungen in den Schultern beginnen sich zu lösen. Es fühlt sich so an als könne ich ewig so weitertraben. Unweigerliches Lächeln.

Am Ende werden es (selbstverständlich lässt sich das rekonstruieren, nachmessen und ausrechnen) ziemlich genau 40 Minuten und 6,45 Kilometer gewesen sein. Sechs Minuten und zwölf Sekunden pro Kilometer. Perfekte Easy-Pace – aus Versehen gelaufen.

Daten-Detox

Da das wirklich einer der besten Läufe überhaupt war und zudem nicht davon auszugehen ist, dass ich in nächster Zeit bereits wieder anspruchsvollere Trainings absolvieren kann, versuche ich es für den Rest des Monats mit einer Datendiät. Laufen ohne Uhr, ohne GPS und ohne Aufzeichnung der Herzfrequenz. Ohne zu messen, ohne Vergleich und statistische Rückversicherung. Es wird spannend, wie der Stand der Dinge im April ist. Aber der März soll easy sein.

Die Frage ist, ist das durchzuhalten? Oder wird es langweilig, sobald ich wieder richtig fit bin? Macht es nervös, nicht zu wissen wie viele Kilometer ich gelaufen bin und ob ich mich verbessert habe? Kann ich auch ohne suffer score einschätzen, ob ein Lauf gut oder zu anstrengend war? Ich setze auf Intuition und Körpergefühl und werde berichten wie es gewesen ist.

Einen entscheidenden Nachteil kann ich bereits jetzt benennen, jeder nicht aufgezeichnete Kilometer fehlt in meiner Jahresbilanz. Damit rückt mein Ziel, 2.000 Kilometer in 2016 zu laufen in vergleichsweise weite Ferne. Doch möglicherweise ist das ja gar kein echter Nachtteil.

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Julia

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